Samstag, November 26, 2016

Der Wunschzettel


Sonja sitzt an ihrem kleinen Schreibtisch, vor sich einen leeren Zettel und einen Bleistift in der Hand. Nein, sie würde dieses Jahr nicht mehr mitspielen, sie glaubt nicht mehr an den Weihnachtsmann. Sie schreibt keinen Wunschzettel! Letztes Jahr hat Opa Martin den Weihnachtsmann dargestellt, Oma Elisabeth kam allein zu ihnen am Heiligabend und berichtete, dass der Opa keinen Parkplatz finden würde. Kurze Zeit später klingelte dann der „Weihnachtsmann“ an der Tür. Haha! Und im Jahr zuvor hatte ihn Opa Thomas gespielt. Da wurde ihr eine ähnliche Geschichte präsentiert, nur dieses Mal von Oma Annabell erzählt. Sie fühlt sich so erwachsen mit ihren fast sechs Jahren, sie können sie nicht mehr beschwindeln. Sie weiß, wer die Geschenke wirklich einkauft. Also hat sie diesen Plan gefasst, sie würde ihre Wünsche nicht aufschreiben. Dann müssen sie mit der Wahrheit herausrücken, müssen ihr sagen, dass es in Wirklichkeit keinen Weihnachtsmann gibt. Vielleicht sollte sie gar das ganze Weihnachtsfest boykottieren – mit allem drum und dran? Einen einzigen Haken hat ihr Konzept jedoch: es könnte passieren, dass es schief geht mit ihrem diesjährigen Weihnachtswunsch. Denn den hat sie allemal! Sie hat ihn nämlich in der letzten Woche gesehen, den ultimativen Teddybären. Im großen Kaufhaus in der Innenstadt, sitzt er in der Weihnachtsdekoration. Er ist der wunderhübscheste Teddybär, den man sich nur vorstellen kann. Wie sollte sie es anstellen, ihn zu bekommen, ohne diesen dummen Wunschzettel zu befüllen? Doch nun heißt es erst einmal, das Pläne-schmieden zu verschieben, es ist Zeit zum Aufbruch. Ihre Freundin Lotta wird gleich mit deren Mama vor der Haustür stehen und sie werden zum Altersheim aufbrechen. Pfarrer Heidenroth hatte die Idee, dass alle Kinder aus der Vorschulgruppe einen Partner aus dem Heim zugeordnet bekommen und sie etwas miteinander unternehmen werden. Also, fix in die warmen Wintersachen steigen und los kann es gehen.

Es ist recht kalt in Hamburg, sie waten durch den Schneematsch. Beide Mädchen mit hochroten Wangen, rot von der Kälte und der Vorfreude. Wer würde ihr „Paten-Opa“ oder ihre „Paten-Oma“ sein? Der Weg führt sie durch das vornehme Harvestehude, ein Stück an der Außenalter entlang, vorbei an den herrschaftlichen, stolzen Villen. Die Straßen hier sind nun fast menschenleer, ohne das geschäftige Treiben, das jetzt gerade in der Innenstadt herrschen muss.

Beim Altersheim angekommen spricht Lottas Mutter noch kurz mit dem Pfarrer, dann verabschiedet sie sich. Sonja bekommt ihren „Paten-Opa“ zugeteilt, es ist Herr Blaupfennig. Sonja mustert ihren neuen Opa etwas skeptisch. Herr Blaupfennig ist ein ausgesprochen kleiner, alter und feiner Herr. Er hat rötliche, gelockte Haare, einen Spitzbart am Kinn, nahezu listige Augen und bemerkenswert große Ohren. Doch mit seinem offenen, herzlichen Lächeln erobert er Sonjas Herz sofort. Binnen kurzer Zeit quatschen die beiden bereits über Gott und die Welt. Herr Blaupfennig möchte mit Sonja eine Krippe basteln, heute und an den kommenden Nachmittagen. Er hat sich vorgenommen, die Krippe, die Tiere und die Heilige Familie selbst zu schnitzen. Sonja ist für die Verzierungen und die Bemalungen zuständig. Die Stunden vergehen wie im Fluge, und auch die Tage vergehen wie im Fluge. Sie kommen beide gut mit ihrer Arbeit voran und nach zwei Wochen Werkeln in freudiger und vertrauter Atmosphäre ist sie getan – die Krippe ist fertig und wirklich wunderschön geworden. Bei Kaffee und Keksen beziehungsweise Kakao und Keksen feiern die beiden ihren Erfolg.

Ein paar Tage später ist Heiligabend gekommen. Sonja war so sehr mit ihrer Arbeit bei Herrn Blaupfennig beschäftigt, dass sie ihren Wunschzettel nun tatsächlich völlig vergessen hat. Ihre Eltern haben sie auch nicht mehr gefragt, nach der anfänglichen Diskussion wollten sie zwar nicht zugeben, dass es keinen Weihnachtsmann gibt, sie wollten Sonja in ihrem „Unglauben“ jedoch auch nicht bestätigen. So wurde das Thema einfach ausgespart. Geschenke wurden besorgt, von dem die Eltern annehmen, dass sie Sonja gefallen werden – wie schade, wie schnell die Zeit vergeht, wie schnell die Kleine erwachsen wird. Am Nachmittag macht sich die ganze Familie auf in die St. Johannis-Kirche. In der Vorhalle der Kirche sind alle Weihnachtsbasteleien der Kinder und Seniorenheimbewohner ausgestellt, so natürlich auch die Krippe von Herrn Blaupfennig und Sonja. Doch so sehr sich das Mädchen auch reckt und streckt und verbiegt, es kann ihren Paten-Opa nirgends entdecken. So gerne hätte es ihn heute begrüßt und ihrer gesamten Familie vorgestellt. Im Anschluss an den Gottesdienst begibt sich die komplette Familie mit beiden Großelternpaaren nach Hause. Da die Erwachsenen beschlossen haben, die Bescherung nicht mehr durch den Weihnachtsmann vornehmen zu lassen, wird in Ruhe und Vollständigkeit zu Abend gegessen, niemand fehlt. Jetzt ist die Zeit für die Bescherung gekommen. Doch was ist das dort für ein großes Paket? Niemand kann es sich erklären, ein Kärtchen mit Sonjas Namen ist an ihm befestigt. Neugierig und voll Vorfreude öffnet sie es. Zum Vorschein kommt – der ultimative Teddybär aus der Weihnachtsdekoration des Kaufhauses! Nein, wie kann das nur angehen, Sonja ist sprachlos. Hat sie doch mit niemandem über ihren Herzenswunsch gesprochen, nicht mit den Eltern, nicht mit den Großeltern, nicht mit Lotta und auch nicht mit ihrem Paten-Opa. Der Teddybär trägt eine goldene Schleife am Hals, daran ist eine kleine Karte befestigt, auf ihr steht geschrieben: "Für Sonja. Vom Weihnachtself." Außerdem ist die Karte mit einem Siegel versehen, in Form einer blauen Münze - einem blauen Pfennig.

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